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Neophobie - Die Angst vor dem Neuen

Der Mensch ist ein Gewohnheits­tier. Was ver­traut ist, fühlt sich sicher an - was fremd ist, weckt Miss­trauen. Diese psycholo­gische Grund­struktur hat über Jahr­tausende hinweg durchaus ihren Sinn ge­habt: In einer Welt, in der dich ein un­bekann­tes Tier töten oder eine unbe­kannte Beere ver­giften konn­te, war Vor­sicht gegen­über dem Un­bekann­ten ein Über­lebens­vorteil.

Die­selbe Mecha­nik, die unsere Vor­fahren am Leben hielt, schlägt im moder­nen Kontext immer wieder in etwas Kontra­produkti­ves um - in die Neophobie, die Angst vor dem Neuen. Sie ist kein seltenes Phänomen eini­ger be­son­ders ängst­li­cher Individu­en, sondern ein immer wieder­kehren­des Muster in der Kultur­geschich­te der Mensch­heit.

Die Psychologie der Neophobie

Bevor man die historischen Beispiele betrach­tet, lohnt ein Blick auf die Mechanis­men, die Neophobie an­treiben. Psycholo­gisch gesehen ist die Angst vor Neuem eng mit dem Bedürf­nis nach Kon­trolle und Vorher­sehbar­keit verbunden. Was ich kenne, kann ich ein­schät­zen; was ich nicht kenne, ent­zieht sich meiner Kon­trolle. Das Gehirn be­wertet Un­bekann­tes automa­tisch als poten­zielle Be­drohung, bevor ratio­nale Analyse ein­setzen kann - ein Reflex, der im limbischen System ver­ankert ist und sich evolu­tionär be­währt hat.

Hinzu kommen kulturelle und soziale Verstär­ker. Wenn eine neue Tech­nologie oder Praxis be­stehende Macht­verhält­nisse, Berufs­bilder oder Moral­vorstel­lun­gen in Frage stellt, mobili­siert sie nicht nur indivi­duelle Ängste, sondern auch kollek­tive Abwehr­reflexe. Institu­tio­nen - Kirchen, Zünfte, Berufs­verbände, Staaten - haben oft ein hand­festes Inte­resse daran, das Neue klein­zureden oder zu ver­teufeln. Neophobie ist des­halb selten rein psycholo­gisch; sie ist fast immer auch poli­tisch.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Erklärungs­vakuum. Wenn niemand ver­steht, wie etwas funktio­niert, füllt die Vor­stellungs­kraft dieses Vakuum - und die mensch­liche Vor­stellungs­kraft neigt im Zweifel zum Schlimms­ten. Das er­klärt, warum viele neophobi­sche Reak­tio­nen dort am stärks­ten waren, wo das Wissen am dünns­ten war: bei den ersten Begeg­nun­gen mit Elektri­zität, Strah­lung oder Radioak­ti­vität.

Die Eisenbahn: Kollabierte Lungen und verrückte Kühe

Als die ersten Dampflokomotiven in den 1820er und 1830er Jah­ren in England und bald auch auf dem europäi­schen Kontinent in Betrieb ge­nommen wurden, lösten sie eine Welle der Be­sorgnis aus, die aus heutiger Sicht kaum zu fassen ist. Ärzte warnten ernst­haft davor, dass der mensch­liche Körper Ge­schwindig­kei­ten von mehr als 30 km/h schlicht nicht ver­kraften könne. Die Lungen, so hieß es, würden kolla­bieren, weil die Luft zu schnell an ihnen vorbei­streiche. Das Gehirn, dem Schütteln und der Rasanz aus­gesetzt, werde dauer­haft ge­schädigt. Manche Mediziner prognos­tizier­ten Wahnsinn als Folge regel­mäßigen Bahn­reisens.

Doch nicht nur der mensch­liche Körper war angeb­lich in Gefahr. Bauern beklag­ten vor­sorg­lich, ihre Kühe würden auf­hören Milch zu geben, sobald eine Lokomo­tive an ihrer Weide vorbei­fauche. Hühner würden keine Eier mehr legen, Pferde würden scheu werden und unbrauch­bar. Die länd­liche Ordnung, so die Befürch­tung, sei insge­samt bedroht. In manchen Regio­nen Deutsch­lands und Frank­reichs organi­sier­ten sich Bauern aktiv gegen den Bau von Eisen­bahn­linien - weniger aus wirt­schaft­li­chem Kalkül als aus einer diffusen Angst vor dem Ver­lust der ge­wohn­ten Welt. Die Eisen­bahn wurde natür­lich trotz­dem ge­baut, und weder die Lungen der Reisen­den noch die Milch­produk­tion der Kühe litten merk­lich darunter.

Elektrizität: das Ende der natür­li­chen Ordnung

Als Thomas Edison und andere Pioniere in den 1870er und 1880er Jah­ren be­gannen, elektri­sches Licht in Städte zu bringen, reagier­te die Öffent­lich­keit mit einer Mischung aus Faszina­tion und tiefer Skepsis. Die Warnun­gen, die kursier­ten, hatten eine eigen­tüm­liche Quali­tät: Da niemand genau ver­stand, was Elektri­zität eigent­lich war, konnte man ihr auch alles Mög­liche an­dichten. Es gab ernst­hafte Berichte über „elektri­sche Dämpfe“, die angeb­lich aus den neuen Lei­tun­gen aus­ström­ten und Menschen krank machten. Elektri­sches Licht, so warnten Medizi­ner und Journalis­ten, sei zu hell und zu un­natür­lich - die Augen des Men­schen seien für solche Intensi­tät nicht ge­macht, Blind­heit sei die Folge.

Tiefer saß die Angst vor der symboli­schen Bedeu­tung. Elektri­sches Licht be­deute­te, dass die Nacht be­zwun­gen werden konnte. Was bisher die Natur ge­regelt hatte - wann Dunkel­heit herrsch­te und wann Licht - wurde nun mensch­li­cher Kontrolle unter­worfen. Für viele war das ein Ein­griff in eine gott­gegebene Ord­nung. Die Elektri­ker, die die ersten Installa­tio­nen vor­nahmen, wurden in manchen Kreisen mit größ­tem Miss­trauen be­trachtet, als arbeite­ten sie mit unsicht­baren, gefähr­li­chen Kräf­ten. Dass heute Milliar­den Men­schen ohne elektri­sches Licht kaum einen Tag aus­kommen möch­ten, macht diese Ängste nicht lächer­lich - sie waren die ratio­nalen Reak­tio­nen von Men­schen auf etwas, das sie schlicht nicht ver­standen.

Das Telefon: Krankheitsübertragung und moralischer Verfall

Die Einführung des Telefons in den 1870er und 1880er Jah­ren brachte eine neue Klasse von Befürch­tun­gen mit sich, die beson­ders an­schau­lich zeigt, wie Neophobie und gesell­schaft­liche Kontroll­ängste in­einander­greifen. Medizi­nisch gesehen kursierte die ernst­hafte Sorge, dass man sich durch die Telefon­muschel an­stecken könne - Erkältun­gen, aber auch schwer­wiegende­re Krank­hei­ten würden über die Lei­tun­gen über­tragen. Diese Angst war nicht völlig aus der Luft ge­grif­fen: Man wusste über Keim-Übertra­gung noch wenig, und die Idee, dass etwas aus dem Mund eines Fremden durch ein Gerät zu einem ge­langte, hatte eine nach­voll­ziehbare hygieni­sche Kompo­nente.

Weit folgenreicher aber war die moralische Panik. Das Telefon er­möglich­te zum ersten Mal un­kontrollier­te Kommuni­ka­tion zwi­schen Men­schen, die physisch von­einander getrennt waren. Eltern konn­ten nicht über­wachen, mit wem ihre Töchter sprachen. Ehemänner konn­ten nicht kontrol­lie­ren, wen ihre Frauen an­riefen. Die gesell­schaft­liche Kontrolle über Ge­spräche, die bis dahin an physi­sche An­wesen­heit ge­bunden ge­wesen war, löste sich auf. Pfarrer warn­ten vor dem Telefon als Instru­ment der Verfüh­rung und Sitten­losig­keit. Früh­zeitig tauch­ten auch Be­richte über erste Be­ziehun­gen auf, die sich per Telefon an­gebahnt hat­ten - ein Skandal. Die Technolo­gie selbst war relativ harm­los; es war die Ver­schiebung von Macht und Kon­trolle, die die wirk­liche Beunruhi­gung aus­löste.

Das Fahrrad: Gesichtsverzerrungen

Kaum eine Technologie hat die Hysterie der Neophobie so konzen­triert wie das Fahr­rad - und kaum ein Beispiel zeigt so deut­lich, dass es bei solchen Ängs­ten oft weniger um die Techno­logie selbst geht als um das, was sie gesell­schaft­lich ermöglicht. Als das Fahr­rad in den 1880er und 1890er Jah­ren populär wurde, war es zunächst eine Domäne der Männer. Als aber auch Frauen be­gannen, Rad zu fahren, brach eine regel­rechte moral­medizini­sche Panik aus.

Ärzte diagnostizierten das sogenannte „bicycle face“ - eine angeb­lich permanen­te Grimasse, die sich durch die An­stren­gung und Konzen­tra­tion des Rad­fahrens in das Gesicht einer Frau ein­grabe. Andere Mediziner warnten vor Un­fruchtbar­keit, da der Fahrrad­sattel angeb­lich Schäden an den Fort­pflanzungs­organen ver­ursache. Wieder andere sahen in der körper­li­chen Un­abhängig­keit, die das Fahr­rad Frauen ver­schaffte - man konnte nun alleine, ohne Be­glei­tung, größe­re Strecken zurück­legen -, eine direkte Be­drohung für die gesell­schaft­liche Ord­nung. Tatsäch­lich war das Fahr­rad ein frühes Instru­ment der Emanzi­pa­tion: Es er­möglich­te Frauen, sich un­abhängig zu be­wegen, was als so bedroh­lich empfunden wurde, dass die Medizin zur Legitima­tion der Ab­lehnung heran­gezo­gen wurde. Susan B. Anthony, eine der führen­den Frauen­rechtlerin­nen der USA, nannte das Fahr­rad das emanzi­pato­rischste Gerät des 19. Jahr­hun­derts. Die medizi­ni­schen Warnun­gen ver­schwan­den in dem Maße, wie Frauen sie schlicht ignorier­ten und auf dem Fahr­rad vorwärts­fuhren.

Kaffee: Impotenz, Aufruhr und Verbot

Die Geschichte des Kaffees ist eines der ältes­ten und faszi­nierends­ten Beispiele für Neophobie in der Kultur­geschich­te. Als Kaffee im 15. und 16. Jahr­hun­dert von der arabi­schen Halb­insel nach Europa und in das Osmanische Reich vordrang, löste er eine bemerkenswerte Welle der Ab­lehnung aus. Im Osmanischen Reich wurden Kaffee­häuser zeit­weise ver­boten - nicht primär wegen des Getränks selbst, sondern weil sie zu Orten wurden, an denen Männer sich ver­sammel­ten, diskutier­ten und poten­ziell über Poli­tik rede­ten. Sultan Murad IV. ließ im 17. Jahr­hun­dert das Trinken von Kaffee unter An­drohung der Todes­strafe ver­bieten, weil er Kaffee­häuser als Brut­stätten des Auf­ruhrs be­trachte­te. Auch hier war die eigent­liche Angst nicht das Getränk, sondern der Kontroll­verlust.

In England veröffentlichten Frauen im Jahr 1674 die „Women's Peti­tion Against Coffee“, in der sie be­klag­ten, Kaffee mache ihre Männer impotent und verweich­liche sie. Die Männer ver­brachten zu viel Zeit in Kaffee­häusern, anstatt ihrer ehe­li­chen Pflicht nachzukommen - der Kaffee wurde zum Sünden­bock für Probleme, die mit ihm wenig zu tun hat­ten. In anderen Teilen Europas warn­ten Ärzte vor den angeb­lich gefähr­li­chen Wirkun­gen des Heiß­getränks auf die Nerven, den Magen und das Blut. Kaffee ist heute das meist­konsumier­te psychoak­tive Getränk der Welt. Die medizi­nische Forschung hat inzwi­schen viel­mehr gesund­heit­liche Vor­teile modera­ten Kaffee­konsums nach­gewiesen.

Die Tomate: Das rote Gift aus Amerika

Die Tomate gehört zu den kuriosesten Fällen von Neophobie in der Nahrungs­mittel­geschich­te. Als sie im 16. Jahr­hun­dert aus Amerika nach Europa ge­bracht wurde, be­trachte­ten die meis­ten Europäer sie zunächst als reine Zierpflanze. Sie gehört zur Familie der Nachtschattengewächse, zu der auch tatsäch­lich giftige Pflanzen zählen, und diese botanische Ver­wandt­schaft ließ viele Menschen über Genera­tio­nen hinweg davon über­zeugt sein, die Tomate sei giftig. In England und weiten Teilen Nord­amerikas hielt sich diese Überzeu­gung bis weit ins 18. Jahr­hun­dert. Die Farbe - ein aggressi­ves, leuchten­des Rot - verstärk­te den Ein­druck des Be­droh­lichen.

In Nordamerika kursierte die Legende, dass Wohl­habende an Tomaten­vergif­tung ge­storben seien - ein Miss­verständ­nis, das wahr­schein­lich darauf zurück­geht, dass reiche Leute ihr Essen von Zinn­tellern aßen, aus denen die Säure der Tomaten Blei herauslöste, was tatsäch­lich giftig war. Die Tomate selbst war un­schuldig. Es war der mexika­nische und spani­sche Koch­stil, der die Tomate zuerst kulina­risch rehabi­li­tierte, und es dauerte Jahr­hun­derte, bis sie in der nord­europäi­schen Küche ihren festen Platz fand. Heute ist sie die Basis un­zähli­ger Ge­richte und gilt als In­begriff mediter­ra­ner Gesundheits­kost.

Comics: Die Gefahr für die Jugend

In den 1950er Jahren erlebten die USA eine Panik­welle, deren Ziel­objekt heute beinahe surreal wirkt: der Comic. Der Psychia­ter Fredric Wertham ver­öffent­lichte 1954 das Buch „Seduc­tion of the Innocent“, in dem er auf der Grundlage methodisch fragwürdiger Studien behauptete, Comics - insbeson­dere Kriminal- und Horror-Comics - seien direkt für Jugend­kriminali­tät, Gewalt und sexuelle Devianz ver­antwort­lich. Batman und Robin, so Wertham, lebten eine homo­sexuelle Be­ziehung vor. Wonder Woman fördere sadomasochis­tische Fantasien.

Das Buch traf einen gesell­schaft­li­chen Nerv. Der US-Senat richte­te einen Unter­suchungs­ausschuss ein. Unter dem öffent­li­chen Druck schuf die Comic-Industrie den „Comics Code Authority“, eine Selbstzensurbehörde, die jahrzehntelang die Inhalte von Comics streng regulierte. Biblio­theken warfen Comic-Reihen aus ihren Be­ständen. Auf Schul­höfen wurden öffent­liche Comic-Verbrennun­gen organi­siert. Kein einzi­ger be­last­barer wissen­schaft­li­cher Beleg wurde jemals dafür ge­funden, dass Comics Jugend­kriminali­tät ver­ursachen. Werthams Studien wurden später als massiv manipu­liert ent­larvt. Die Panik sagte weniger über Comics aus als über die Ängste einer Gesell­schaft im Kalten Krieg, die überall Be­drohun­gen für ihre Kinder und ihre Werte zu sehen glaubte.

Radio und Fernsehen: Gehirnschäden und der Untergang der Gesell­schaft

Als das Radio in den 1920er Jahren die Wohn­zimmer der Mittel­schicht er­oberte, kamen die ersten Warnun­gen nicht lange auf sich warten. Ärzte­verbände warn­ten vor Überrei­zung des Nerven­systems durch stunden­langen Radio­genuss. Eltern wurden er­mahnt, ihre Kinder nicht zu lange Radio hören zu lassen, da die Reiz­überflu­tung die kind­liche Entwick­lung störe. Kritiker be­klag­ten den morali­schen Ver­fall, den Massen­unterhal­tung durch das Radio angeb­lich förder­te - Jazz und populä­re Musik gal­ten als degene­rativ.

Beim Fernsehen wiederholte sich das Muster in den 1940er und 1950er Jah­ren mit be­erkens­wer­ter Treue, nur intensi­ver. Ärzte warn­ten vor „television eyes“ - Augen­schäden, die durch zu nahes Sitzen am Bild­schirm ent­stün­den. Manche Stimmen be­schrie­ben das Fern­sehen als hypnoti­sieren­des Medium, das den Willen des Zu­schauers unter­grabe und ihn manipulier­bar mache. Der tiefere kultu­relle Reflex war ver­traut: Das Fern­sehen bringe passive, ver­blöde­te Massen her­vor, die nicht mehr lesen würden und die Hoch­kultur zu Grabe trügen. Interessan­ter­weise werden die­selben Argumen­te heute über Smart­phones und soziale Medien ge­führt - mit den­selben Struktu­ren, den­selben Be­fürchtungen, den­selben Ver­weisen auf eine ver­lorene kultu­relle Blüte­zeit.

Radium - keine Neophobie

Radium ist ein besonderes und tragi­sches Kapitel in der Ge­schichte des Ver­hält­nisses zwi­schen Mensch und neuer Technolo­gie - denn hier schlug Neophobie in ihr genaues Gegen­teil um: in unkri­tische Be­geiste­rung. Als Marie Curie Radium 1898 ent­deckte und seine erstaun­li­chen Eigen­schaften be­schrieb, erfasste die Öffent­lich­keit eine Faszi­na­tion, die alle Vorsicht außer Kraft setzte. Radium leuchte­te im Dunkeln, es war un­sicht­bar und geheimnis­voll, es schien geradezu magische Kräfte zu be­sitzen.

Die Industrie machte daraus ein Geschäft. In den ersten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts wurden radioak­tive Produkte auf den Markt ge­bracht, deren Ge­schich­te heute er­schüt­ternd wirkt: Radium­haltiges Trink­wasser wurde als Energie­spender und Gesund­heits­elixier ver­kauft. Radioak­tive Zahn­pasta sollte für strahlend weiße Zähne sorgen. Radium­haltige Kosmeti­ka ver­sprachen ewige Jugend. In Kur­städten wurden radioak­tive Bäder als Heil­kur an­geboten.

Am tragischsten erging es den sogenann­ten "Radium Girls" - junge Frauen, die in den 1910er und 1920er Jah­ren in amerika­ni­schen Uhren-Fabriken die Ziffer­blätter mit radium­haltiger Leucht­farbe be­malten. Sie wurden an­gehalten, ihre Pinsel mit den Lippen zu spitzen, um feinere Striche zu er­zielen. Die Fabrikan­ten wuss­ten um die Gefah­ren, schwiegen aber. Die Frauen er­krank­ten an Knochen­krebs, ihre Kiefer zer­fielen buch­stäb­lich. Ihre mutige Klage gegen die Unter­neh­men legte den Grund­stein für das moder­ne Arbeits­schutz­recht in den USA. Das Radium-Beispiel ist eine Mahnung, dass Tech­nologie­angst nicht per se irratio­nal ist - manch­mal ist sie es nicht, und die Fähig­keit zur Unter­scheidung ist ent­schei­dend.

Schwarze Löcher im Genfer Vorort

Als das CERN 2008 den Large Hadron Collider in Betrieb nehmen woll­te, erlebte die Welt eine Neophobie-Welle in moder­nem Gewand. In Internet­foren, auf Nachrichten-Websites und sogar in seriö­sen Medien kursier­te die Be­haup­tung, der Teilchen­beschleu­ni­ger könnte ein mikros­kopi­sches schwarzes Loch er­zeugen, das sich nicht wieder auf­löst, sondern be­ginnt, die Erde von innen auf­zufressen. Andere warn­ten vor der Ent­stehung so­genann­ter Strangelets - hypothe­ti­scher Materie­zustände, die normale Materie in sich hin­ein­ziehen könn­ten wie eine An­steckung.

Physiker versuchten geduldig zu erklären, warum diese Szena­rien physi­ka­lisch aus­geschlos­sen seien. Das CERN ver­öffent­lichte detail­lierte Sicher­heits­berichte. Es half wenig. Menschen reich­ten tatsäch­lich Klagen vor Gerich­ten in mehre­ren Ländern ein, um den Start des Experi­ments zu ver­hindern. Der LHC wurde zum Projek­tions­objekt für Ängste vor einer Wissen­schaft, die der Öffent­lich­keit zu groß, zu abstrakt und zu un­kontrol­lier­bar ge­worden war. Es ist kein Zufall, dass diese Ängste in einer Zeit wuchsen, in der das Ver­trauen in Experten­aussagen generell zu bröckeln be­gann. Der LHC läuft seit Jahren, hat be­deutende wissen­schaft­liche Ent­deckungen ge­macht - unter anderem den Nach­weis des Higgs-Bosons -, und die Erde exis­tiert nach wie vor.

5G: Strahlenangst im digitalen Zeitalter

Die Sorgen um Mobiltelefonstrah­lung sind eines der an­haltends­ten Beispiele moder­ner Neophobie. Seit den frühen 1990er Jah­ren kursie­ren Warnun­gen, Handys könn­ten durch elektro­magne­tische Strah­lung Gehirn­tumore ver­ursachen. Große Langzeit­studien mit hundert­tausenden Teil­nehmern haben bis heute keinen kausalen Zusammen­hang be­legen können. Die Welt­gesundheits­organisa­tion klassifi­ziert Mobil­funk­strah­lung als „möglicher­weise karzinogen“ - eine Katego­rie, in der sich auch ein­geleg­tes Gemüse und Kaffee be­finden und die weniger aus­sagt, als viele Men­schen glauben.

Mit der Einführung von 5G-Netzen ab etwa 2019 eskalier­te die Angst in eine neue Quali­tät. Ver­schwörungs­theo­rien ver­banden 5G-Masten mit Gesund­heits­schäden, Immun-Suppres­sion und sogar mit der COVID-19-Pandemie. In mehre­ren europäi­schen Ländern, darunter auch Deutsch­land und Groß­britan­nien, wurden 5G-Masten von Aktivis­ten in Brand ge­steckt. Techni­ker wurden auf der Straße an­gegrif­fen. Die Struktur der Angst war die­selbe wie immer: unsicht­bare Strah­lung, unver­stande­ne Tech­nolo­gie, ein diffuses Gefühl der Ohn­macht gegen­über einer Ent­wick­lung, auf die man keinen Ein­fluss hat. Bemerkens­wert ist, dass aus­ge­rechnet Men­schen, die mit Smart­phones in sozialen Netz­werken gegen 5G agitier­ten, sich nicht be­wusst zu sein schienen, dass das Smart­phone in ihrer Hand auf eben dem Mobil­funk­netz be­trieben wurde, das sie ab­lehnten.

Was ist mit Künstlicher Intelligenz?

Die aktuellste Fragestellung betrifft die künst­liche Intelli­genz, und sie ist in vieler­lei Hin­sicht die komplexes­te. Denn anders als bei frühe­ren Technolo­gien gibt es hier keine ein­fache Ent­warnung: KI ver­ändert tatsäch­lich Arbeits­märkte, stellt tatsäch­lich Fragen nach Urheber­schaft, Identi­tät und Kon­trolle, und ihre lang­fristi­gen gesell­schaft­li­chen Konse­quenzen sind tatsäch­lich un­gewiss. Das macht die Unter­schei­dung zwi­schen be­rechtig­ter Sorge und irratio­naler Neophobie außer­ordent­lich schwierig.

Was an der gegenwärtigen Debatte neophobische Züge trägt, ist das Muster der Argumen­ta­tion: die Tendenz zur apokalyp­ti­schen Über­trei­bung, die Ver­mischung von Fakten mit Science-Fiction-Szenarien, und die Forde­rung nach Ver­boten als erster statt als letz­ter Reak­tion. Gleich­zeitig gibt es be­rechtig­te ethische Fragen rund um KI-Systeme, die nicht mit dem Ver­weis auf histo­rische Panik ab­getan werden soll­ten. Hier wird die eigent­liche intellek­tuelle Heraus­forde­rung deut­lich, die das Thema Neophobie in sich birgt: Die Ge­schich­te ist voll von Fällen, in denen Angst vor neuen Tech­nolo­gien un­begrün­det war - aber sie ent­hält auch die Ge­schich­te des Radiums, des Asbests, des Bleis in Benzin. Nicht jede Warnung ist Hysterie.

Schlussbemerkung: Das Muster und die Lehre

Was alle diese Beispiele verbindet, ist eine verblüf­fende Regel­mäßig­keit. Erstens: Die neophobi­sche Reak­tion ist fast immer zeit­lich be­grenzt. Sie flammt auf, wenn eine Tech­nolo­gie oder Praxis neu ist, und klingt in dem Maße ab, wie die Men­schen Erfah­rung mit ihr machen und das Ver­ständ­nis wächst.
Zweitens: Hinter der oberfläch­li­chen Angst steckt fast immer eine tiefere - die Angst vor dem Verlust von Kontrolle, vor der Ver­schiebung von Macht­verhält­nissen, vor dem Ende einer ver­trauten Ord­nung.
Drittens: Die Angst wird fast immer in der Sprache der Zeit legiti­miert - im Mittel­alter war es religiö­se Sprache, im 19. Jahr­hun­dert die auf­streben­de Medizin, heute die Sprache der Risiko­forschung und des Umwelt­schutzes.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist nicht, dass alle Ängste irratio­nal sind. Es ist etwas Differen­zier­te­res und An­spruchs­volleres: dass die Form der Angst - die Hysterie, die Über­zeu­gung ohne Beleg, die Bereit­schaft zur Selbst­zensur oder zum Verbot - ein schlech­ter Rat­geber ist, unab­hängig davon, ob der Inhalt be­rechtigt ist oder nicht. Die Kunst liegt darin, zwi­schen dem Muster der Neophobie und dem be­rechtig­ten Kern einer Sorge zu unter­scheiden - ruhig, infor­miert und ohne den reflex­artigen Griff nach dem Verbot. Das ist leich­ter gesagt als getan. Aber die Ge­schich­te lehrt, dass es sich lohnt, es zu ver­suchen.


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